Montag, 01.12.2014 | Autor: Jörg Stroisch , Foto: © Jürgen Fälchle - Fotolia.com

Wärmedämmverbundsysteme: Was dafür und was dagegen spricht

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Worum geht´s
  • Argumente für und gegen die Nutzung eines Wärmedämmverbundsystems

Topstory: Hatten Wärmedämmverbundsysteme - WDVS - noch vor einigen Jahren ein gutes Image, verzichten mittlerweile immer mehr Bauherren auf deren Einsatz bei der Wärmedämmung ihrer Immobilie.

Befürworter und Gegner stehen sich beinahe unversöhnlich gegenüber - und es ist dabei immer eine Frage des eigenen Standpunktes, welche Argumente für Sie als Bauherr besser passen.

Einen empörten offenen Brief schrieb Jochen Stotmeister, Chef der sto AG, ein führender Hersteller von Wärmeverbundsystemen in Deutschland, an verschiedene Medien und Journalisten.

Stotmeister stieß insbesondere die seiner Meinung nach reißerische Berichterstattung auf, die sich stark gegen Wärmedämmverbundsysteme (WDVS) wendet. 

Kritik an Wärmeverbundsystemen zeigt wirtschaftliche Folgen

Und die zeigt wohl auch wirtschaftliche Folgen: Laut Fachverband Wärmedämmverbundsysteme musste für 2012 ein Rückgang der Produktion verzeichnet werden. „Auch die zum Teil völlig überzogene kritische Berichterstattung einiger Medien hat den einen oder anderen Hausbesitzer zögern lassen“, glaubt so deren Geschäftsführer Wolfgang Setzler.

Der Verband sah sich deshalb zusammen mit anderen Fachverbänden motiviert, eine eigene Initiative „Wärme im Dialog“ einzurichten.

Die Marktlage: WDVS sind in Deutschland weit verbreitet. 840 Millionen Quadratmeter in Neubau und Sanierung sind nach Angaben des Fachverbands verlegt, jedes Jahr kämen 40 Millionen Quadratmeter hinzu.

Saniert wird immer dann, wenn´s irgendwo bröckelt

Thema Wirtschaftlichkeit: Christian Stolte, Bereichsleiter Energieeffiziente Gebäude bei der Deutschen Energieagentur (dena), hält diese für gegeben: „Bei verschiedenen Fallstudien zum sogenannten Effizienzhaus 70 sind wir zu dem Ergebnis gekommen, dass es sich bei einem Zinssatz von 3 bis 5 Prozent für den Kapitaleinsatz nach 20 bis 25 Jahren rechnet“, so Stolte. „Eine Fassade hat aber eine Lebensdauer von über 40 Jahren.“

Jochen Stotmeister argumentiert ganz ähnlich: „Bauherren und Investoren sind klug genug, energetische Sanierungsmaßnahmen immer dann durchzuführen, wenn die Erneuerung eines Bauteils sowieso ansteht. Dadurch entstehen nur geringe Zusatzkosten für die Optimierung des Wärmeschutzes.“

Der Vorwurf: Die Industrie rechnet sich die Wirtschaftlichkeit schön 

Hingegen konstatiert Uwe Erfurth, Diplom-Chemiker und öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger der IHK für Schwaben für Anstriche und Außenputze: „Die Industrie berechnet die Wirtschaftlichkeit der Wärmedämmung ein bisschen sehr schön“, so der Experte.

Als Grundlage wird hier oft die Energieeinsparverordnung (EnEV) genommen, wonach im Winter der solare Wärmegewinn eines Hauses nur bei sechs Prozent liegt.“ Der Experte schätzt, dass dies höher ist.

Es muss nach der Hausart unterschieden werden

Er mahnt außerdem, die unterschiedliche Situation etwa von einem Mietshaus mit 20 Wohnungen und einem freistehenden Einfamilienhaus nicht in einen Topf zu werfen.

Es ist klar, dass bei einer Mietwohnung mit vielleicht 50 Quadratmetern Außenfläche die Amortisation nicht so schnell eintreten kann, wie etwa bei einem freistehenden Einfamilienhaus mit sehr großen Außenflächen.“

Sprich: Die Amortisationsrechnung ist nicht so einfach und schnell zu berechnen, wie es manchmal behauptet wird.

Zumal die Langlebigkeit ebenfalls diskutiert wird. Das Institut für Bauforschung dokumentierte so 2011 in der Forschungsstudie „Schäden beim energieeffizienten Bauen und Modernisieren“ die Folgen von fehlerhafter Planung und Ausführung anhand von 50 Fallbeispielen.

Wärmedämmverbundsysteme sind nicht neu

Jochen Stotmeister hält entgegen: „WDVS sind weder neu noch unerprobt. Sie werden seit Mitte der 1960er Jahre ausgeführt.“ Er beruft sich dabei auf eine Langzeituntersuchung des Fraunhofer-Instituts für Bauphysik. „Die Dauerhaftigkeit von WDVS entspricht der eines konventionellen Wandbildners mit Putz.“

Uwe Erfurth ergänzt allerdings, dass es auch eben gerade auch auf die hochwertige Ausführung des Systems und eine gute handwerkliche Leistung ankomme.

Im Web kursieren jedenfalls auch Ansichten, dass Wärmedämmung sogar höhere Heizkosten verursache. Insbesondere der Architekt Konrad Fischer macht in verschiedenen Beiträgen hier von sich reden – und vergreift sich dabei oftmals auch im Ton, wie das Deutsche Architektenblatt in dem Artikel „Dämmungslos, hemmungslos“ kritisiert, denn das Dämmen stehe in seiner Sicht „für eine dubiose, verschwörerische Öko-Welt“.

Hinter mancher Website steckt der Hersteller

Und auch bei der Recherche im Web setzt sich dieses Problem fort: Dort dominieren diverse Websites wie etwa „Wärme im Dialog“, die von Herstellern gesponsert werden. Auf der anderen Seiten sind die recht fragwürdig vorgetragenen Argumente á la Architekt Fischer omnipräsent.

Jenseits solcher umstrittenen, selbst ernannten Vorkämpfer gegen und für das Dämmen gibt es aber auch eine ernsthafte Diskussion über die Vor- und Nachteile des WDVS.

Steigt mit dem WDVS wirklich die Schimmel- und Algenbildung?

Dazu gehört zum Beispiel die Problematik des Schimmels in voll gedämmten Häusern: So streiten die Befürworter des WDVS die höhere Schimmelgefahr einfach ab.

Dennoch: Die KfW empfiehlt für ihre Darlehen zum KfW-Effizienzhaus eine spezielle Detailplanung zum Luftdichtheitskonzept der Gebäudehülle und zum Lüftungskonzept. „Den Einbau einer Lüftungsanlage fordern wir nicht zwingend, empfehlen ihn aber“, schreibt die Förderbank auf ihrer Website.

Oftmals sind die Fenster und nicht das WDVS am Schimmel schuld

Erfurth sieht hier aber ohnehin nicht das Risiko in der Fassadendämmung, sondern in den Fenstern, also allein bei der Lüftung. „Auch eine ungedämmte Fassade atmet nicht“, sagt er. „Vielmehr sind die luftdichten Fenster das Problem.“

Die Feuchtigkeit kann so nicht abtransportiert werden, Belüftungsanlagen seien als Alternative wartungsintensiv und womöglich schneller mit Keimen belastet. „Deshalb gehen einige Fensterhersteller mittlerweile wieder dazu über, Belüftungsmöglichkeiten im Fenster einzubauen“, so Erfurth.

Wasserabweisende Putze können Algen verursachen

Was in der Wohnung der Schimmel ist, ist außerhalb an der Fassade die Algenbildung. Algen bilden sich, wenn sich Tauwasser auf der kühlen Fassade bildet. „Das Problem ist hier, dass häufig mit wasserabweisenden Putzen gearbeitet wird“, beschreibt Erfurth. „Die Hersteller reagierten dann auf die Algenbildung mit Bioziden, mittlerweile verkapselten Bioziden.“

Diese sind allerdings nach einiger Zeit aus der Fassade ausgewaschen. Studien aus der Schweiz zeigen, dass die Pestizide des Außenputzes in die Umgebung und das Grundwasser abgegeben werden. Und: Die Fassade kann dann wieder veralgen, wenn die Gifte ausgewaschen sind.

Mineralischer Putz nimmt das Tauwasser besser auf

Erfurth rät hier zu einem hochwertigeren mineralischen Putz mit zweimailigem hydrophilen Anstrich, der das Tauwasser aufnimmt. Das ist dann allerdings auch teurer. „Ich finde es schon ärgerlich, dass die chemische Industrie mit der Hydrophobie  jahrzehntelang in die falsche Richtung marschiert ist“, so Erfurth.

Besonders häufig tritt das Problem eben bei Wärmedämmverbundsystemen auf, es kann allerdings auch alle anderen Fassadenarten mit einem falschen Putz treffen. Diese Veralgung könne auch „durch einen größeren Dachabstand, durch einen dickeren Putz gut verhindert werden“, sagt Christian Stolte.

Und auch in diesem Punkt gibt ihm Erfurth Recht: „Es ist einfach ein Erfahrungswert, dass dickere, mineralische Putze und ein größerer Dachüberstand die Algenbildung am besten verhindern.“

Je dicker der Putz, umso besser für die Fassade

Ein weiterer Kritikpunkte am WDVS ist oft die Brandgefahr bei Polystyrol, die nach Erfurth bei der Holzbauweise genauso gegeben ist. Wenn schwer entflammbares Polystyrol verwendet würde, sei die Gefahr aber sehr gering.

Zur Sicherheit müssen sowieso bei WDVS-Systemen ab einer bestimmten Etagenhöhe Brandsperren eingebaut werden. Und vereinzelt wird auch von Spechten in der WDVS-Fassade berichtet, „die können sich durch dünnen Putz durchhacken“, so Erfurth. „Auch hier gilt wieder: Wer einen hochwertigeren, dicken Putz aufträgt, hat das Problem nicht.“ 

Porenbeton ist teurer, hält aber länger

Es ist letztendlich eine Preisfrage, ob ein Blick auf Alternativen lohnt: Erfurth empfiehlt als Alternative zum Beispiel Fassaden aus Porenbeton, „der ist steif wie Polystyrol und nicht so entflammbar wie Mineralwolle.

Zwar ist die Dämmung damit auch nicht ganz so gut, „aber an einer solchen Fassade hat der Hausherr dann wirklich jahrzehntelang Freude“, so Erfurth.

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Mit dem Wärmedämmverbundsystem bekommen Außenwände eine isolierende Schutzhülle. Der richtige Putz ist Bestandteil des Systems und sorgt dafür, dass das Haus im Sommer wie im Winter gut gedämmt ist.
Topstory: Steigende Strom- und Heizkosten, strengere gesetzliche Auflagen bei Gebäuden: Für Hausbesitzer spielt das Thema Energie eine immer größere Rolle. Auch Materialforscher und Bauindustrie ziehen mit und bringen eine Fülle von neuen Baustoffen auf den Markt, die im besten Fall energiesparend, kostengünstig und gesund zugleich sind.

 meineimmobilie.de-Tipp

Mit der EnEV fordert der Staat, er fördert aber auch. Es gibt verschiedene Förderprogramme auf unterschiedlichen Ebenen, die eine Finanzierung ermöglichen.

  • KfW-Darlehen: Die KfW bietet eine ganze Reihe von Darlehens- und Zuschussprogrammen an, zum Beispiel die Programme 151, 152 und 153 zum energetischen Sanieren und Bauen. Die Darlehen bieten Zinskonditionen unter Marktpreis und müssen über die finanzierende Bank beantragt werden. www.kfw.de/inlandsfoerderung/Privatpersonen/
  • BAFA-Programme: Das Bundesamtes für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) fördert zum Beispiel das Heizen mit erneuerbaren Energien oder die Energieberatung. www.bafa.de
  • Regionale Förderprogramme: Auch Bundesländer und Kommunen fördern die energetische Sanierung oder den Hauserwerb ganz unterschiedlich. Die Webseite Baufoerderer.de des Verbraucherzentrale Bundesverbandes gibt hier einen guten Überblick. www.baufoerderer.de