Mittwoch, 06.06.2012 | Autor: Jörg Stroisch

Der Albtraum vom Tiersammler als Nachbar

Worum geht´s
  • Mieter mit Tiersammelsucht
  • Tierhortung zum Leid der Nachbarn und Vermieter
  • Bei Tierhortern Behörden einschalten

Alleine die Fakten sind schon schockierend: Über 1.700 Vögel in einer 63-Quadratmeter-Wohnung in Berlin, 140 Katzen in Unterfranken oder 200 gesammelte Tiere in der Eifel. Die sogenannte Tiersammelsucht ist eine psychische Erkrankung – unter deren Folgen auch die Nachbarn leiden.

"Die Zustände bei Tierhortern treiben selbst hartgesottenen Tierschützern die Tränen in die Augen", beschreibt Marion Dudla, Pressesprecherin beim Deutschen Tierschutzbund. "Die Tiere sind meistens ungepflegt und unterernährt, die hygienischen Bedingungen - auch die der Menschen - sind oft sehr schlecht." In den USA wird das Phänomen Tiersammelsucht - oder im Fachjargon "Animal Hoarding" - seit einigen Jahren untersucht. So geht das Animalhoardingproject alleine für die USA davon aus, dass jährlich mindestens 3.500 neue Tiere betroffen sind. Die am häufigsten betroffenen Tierarten sind demnach Hunde und Katzen, drei Viertel der "Animal Hoarders" sind Frauen und die Mehrzahl über 50 Jahre alt. In etwa 70 Prozent der beschriebenen Fälle ist der Boden der Wohnung mit Exkrementen der Tiere verschmutzt, in 25 Prozent der Fälle sogar das Bett des Tierhorters selbst.

Tierhorten ist eine psychische Erkrankung

Für Deutschland liegen keine Zahlen vor.  Insbesondere die Tierschutzverbände arbeiten das Thema aber intensiv auf. "Die Tiersammelsucht ist eine Krankheit, unter der Tier und Mensch gleichermaßen leiden", so Dudla. "Es liegt eine krankhafte Sucht zugrunde. Oftmals sind auch schwere Schicksalsschläge Auslöser der Tiersammelsucht." Aus den USA kommt auch eine Art Typenbeschreibung der Erkrankung: So tritt der Tierhorter als Pflegertyp, Rettertyp, der Ausbeutertyp und der Züchtertyp auf. Anzeichen sind, wenn der Betroffene mehr Tiere als allgemein üblich hält, also nach Angaben des Deutschen Tierschutzbundes mehr als etwa drei Hunde, drei bis vier Katzen oder etwa fünf Nager. "In vielen Fällen fehlt den Tierhortern die Einsicht, etwas an ihrem Verhalten zu ändern", so Dudla. "Denn es handelt sich um eine Krankheit." Nachdem ihnen das erste Mal die Tiere weggenommen wurde, entschwinden sie oftmals in andere Bundesländer und beginnen erneut mit dem Sammeln. Der Tierschutzbund setzt sich deshalb für ein bundesweites Zentralregister ein.

Auch Nachbarn leiden unter dem Tierhorter

"Wenn der Nachbar Tiere hortet, ist das juristisch nicht so leicht handhabbar", beschreibt Sandra Weeger-Elsner, Rechtsanwältin für den Verein "Wohnen im Eigentum". "Wenn es zu Gerüchen, Dreck oder Geräuschen kommt, sollte der Nachbar schriftlich zur Unterlassung auffordern."
Auch Ulrich Ropertz, Experte beim Deutschen Mieterbund, bestätigt: "Tierhorten hat mit dem vertragsgemäßen Gebrauch einer Mietsache einfach nichts zu tun." Mieter sollten umgehend ihre Vermieter unterrichten: "Bei einer Beschwerde muss der Vermieter reagieren", so Ropertz. "Wenn das Haus zum Beispiel von oben bis unten stinkt, muss er sich darum kümmern."

Der Vermieter muss hier auffordern, das zu unterlassen und kann letztendlich auch den Mietvertrag kündigen. "Wenn die Tiere andere Mieter über die Maßen stören, dann kann natürlich das Tierhalten verboten werden", beschreibt Gerold Happ von der Eigentümergemeinschaft Haus & Grund. "Komplett können Tiere in der Wohnung aber nicht ausgeschlossen werden." So ist das Halten von Kleintieren prinzipiell erlaubt. Auch können Regelungen zum Beispiel für Hunde im Mietvertrag vorhanden sein. Der etwas dehnbare Begriff zur Anzahl der Tiere ist hier das allgemein übliche Maß. "Wenn der Mieter 1.500 Kanarienvögel hält", so Happ, "dann ist es nicht mehr relevant, dass eigentlich das Halten von Kleintieren erlaubt ist. Das ist eindeutig nicht im Maß des allgemein Üblichen."

Der Vermieter hat aus verschiedenen Gründen ein eigenes Interesse daran, den Zustand zu verbessern. Und der Mieter muss diesen auch nicht klaglos dulden: "Der Mieter kann umgehend nach der Benachrichtigung des Vermieters - am besten schriftlich -  einen Mietmangel geltend machen", beschreibt Mieterschützer Ropertz. "Es hängt davon ab, wie stark die Beeinträchtigung ist: Zwischen fünf und zehn Prozent der Miete können wahrscheinlich gekürzt werden."

Besonders schwierig wird es für die Nachbarschaft, wenn der Tierhorter selbst der Eigentümer der Wohnung ist: "Dann ist es deutlich schwieriger gegen ihn vorzugehen", sagt Rechtsanwältin Weeger-Elsner. "Im Extremfall wäre der Entzug des Sondereigentums möglich. Aber das durchzusetzen vor Gericht, ist fast unmöglich." Denn das wäre ein sehr tiefer Eingriff in die Eigentumsrechte einer Person.

Einschalten der Behörden bei Tierhortern

Bleibt letztendlich nur der offizielle Weg: "Das Veterinäramt ist manchmal etwas träge", erzählt Weeger-Elsner ihre eigenen Erfahrungen. Das hängt aber auch mit dem Süchtigen selbst zusammen: Verweigert der Tierhorter den Zugang, dann muss der Amtstierarzt über die zuständige Staatsanwaltschaft den Zutritt erwirken. Bei dringender Gefahr darf der Veterinär dann die Räumlichkeiten kontrollieren. "Diese Dringlichkeit ist allerdings oftmals schwer nachzuweisen", beschreibt Dudla vom Tierschutzbund. Zu diesem Zweck sollten Nachbarn alle Geschehnisse genau dokumentieren. Auch danach ist das Problem selten gelöst, oftmals dauert es lange Zeit, bis das Veterinäramt richtig durchgreifen kann.

So bleiben Nachbarn, Mietern und Vermietern oftmals für lange Zeit unsägliche Zustände in der Wohnung des Tierhorters nicht erspart. "Immer wieder die Behörden einschalten, auf das Problem aufmerksam machen. Das ist der Anfang.", rät Tierschützerin Marion Dudla. "Auf Basis eines Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz kann dann vielleicht eingegriffen werden."

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Foto: Sebastian Fery / Haufe
Foto: Sebastian Fery / Haufe

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Jörg Stroisch arbeitet als selbstständiger und freier Journalist. Seine Themenschwerpunkte sind informative Ratgeberartikel rund um die privaten Finanzen, insbesondere über die Themengebiete Immobilien, Vorsorge ...
Jörg Stroisch
Sie tragen Schleifchen und Mäntelchen. Sie haben ihre eigenen Friseure und Boutiquen und werden dorthin meist in teuren, eigens für sie angefertigten Handtaschen getragen. Die Rede ist von Yorkshire Terriern. Das sind eigentlich Hunde. Oder zählen die doch zu den Kleintieren?   Wo der Unterschied liegt? Ganz einfach: Kleintiere darf der Mieter ungefragt halten, Hunde aber meist nicht.
Ob Hund, Katze oder Hamster: Zwei- und Vierbeiner sind beliebte Mitbewohner in vielen Mietwohnungen. Häufig wissen die Vermieter nicht einmal, dass Ihr Mieter ein Haustier in seiner Wohnung hält und das, obwohl in vielen Mietverträgen nur die Kleintierhaltung erlaubt ist.   Ist tierischer Ärger ein Kündigungsgrund? Erst mal nicht! Dürfen Sie die Tierhaltungsbitte Ihres Mieters gleich rigoros ablehnen? Nicht unbedingt!  

 meineimmobilie.de-Tipp

Wann ist der Nachbar ein Tierhorter?

  • Es werden mehr als die durchschnittliche Anzahl Tiere gehalten (Anlehnung an durchschnittliche Tierhaltung in Deutschland: bis ca. 3 Hunde, ca. 3-4 Katzen, ca. 5 Nager, etc.)
  • Es leben für das vorhandene Platzangebot zu viele Tiere in den Räumlichkeiten bzw. auf dem Gelände (Minimalanforderungen nach TSchG, Einschätzung des Veterinärs)
  • Die Person zeigt trotz überdurchschnittlich hoher Tierzahl und zu geringem Raumangebot keine Einsicht, dass der Tierbestand reduziert werden muss

(Quelle: Deutscher Tierschutzbund)