Sonntag, 05.10.2014 | Autor: Judith Engst, Foto: © livestockimages - Fotolia.com

Zinsen auf Steuernachzahlung: Wie viel Sie zahlen müssen

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Worum geht´s
  • Nachzahlungszinsen
  • Steuerschuld
  • Bundesfinanzhof

Die Leitzinsen sind im Keller, die Kredite so günstig wie nie. Dennoch pocht das Finanzamt nach wie vor bei Steuerschulden bzw. Nachzahlungen auf 6 Prozent Zinsen im Jahr. Ist das rechtens? "Ja", sagt der Bundesfinanzhof.

Steuerschulden können eine teure Angelegenheit werden. Denn gleichgültig, ob Sie Einkommens-, Umsatz- oder Gewerbesteuer zahlen müssen: Ab dem 16. Monat nach Entstehung dieser Steuern müssen Sie die verzinsen.

Das heißt konkret: Auf Steuerschulden aus dem Jahr 2013 fallen ab April 2015 Sollzinsen an. Konkret sind es 0,5 Prozent pro angefangenem Monat, insgesamt also 6 Prozent pro Jahr.

Während eines Steuerverfahrens laufen die Zinsen weiter

"6 Prozent sind zu viel!", dachte sich ein Ehepaar, bei dem durch ein anhängiges Finanzgerichtsverfahren eine Steuerschuld von mehr als 6 Jahren (2004 bis 2011) aufgelaufen war.

Es hatte eine Eigentumswohnung innerhalb der Spekulationsfrist verkauft und stritt mit dem Finanzamt darüber, ob sie auf den Gewinn Spekulationssteuer zahlen mussten oder nicht.

Letztlich unterlagen die Steuerzahler vor Gericht: Sie mussten den Gewinn von gut 61.500 Euro mit ihrem persönlichen Einkommensteuersatz versteuern und sollten dafür fast 30.000 Euro ans Finanzamt abführen.

Trotz Niedrigzinsphase: Finanzamt pocht auf 6 Prozent Zinsen

Weil das Ehepaar während des Verfahrens eine Aussetzung der Vollziehung beantragt hatte, wurde Ihnen die Steuerschuld bis zur endgültigen Entscheidung gestundet. Nach Abschluss des Verfahrens sollten sie jedoch 6.023 EUR Nachzahlungszinsen ans Finanzamt zahlen. Dagegen wehrten sich die beiden.

Die Begründung: Die Zinsen seien aktuell so niedrig, dass eine Geldanlage für diesen Betrag auf keinen Fall 6 Prozent pro Jahr hätte erzielen können.

Das Finanzamt sei allenfalls berechtigt, das abzuschöpfen, was es tatsächlich durch Anlage des Steuerbetrags an Gewinn hätte machen können. Das sah der Bundesfinanzhof aber anders.

Finanzamt darf sich an den Kreditzinsen orientieren

Der gesetzliche Nachzahlungszinssatz laut Abgabenordnung sei völlig in Ordnung, so die Richter. Schließlich dürfe man nicht allein das potenzielle Anlageergebnis zugrunde legen, sondern müsse sich auch anschauen, was ein Kredit in der fraglichen Zeit gekostet hätte.

Kreditzinsen von 6 Prozent pro Jahr seien im Zeitraum von 2004 bis 2011 keineswegs abwegig. Der gesetzliche Zinssatz von 6 Prozent pro Jahr sei deshalb völlig in Ordnung, und es sei nicht nötig, ihn an die Marktzinsen anzupassen (BFH, Urteil vom 01.07.2014, IX R 31/13).

Noch bleiben die aktuellen Marktzinsen unberücksichtigt

Wie gesagt: Der Bundesfinanzhof äußerte sich nur zur Situation in den Jahren 2004 bis 2011. Also zu Zeiten, als der Leitzins in der Eurozone noch zwischen 1,00 und 4,25 Prozent lag. Ausdrücklich äußerte sich der Bundesfinanzhof nicht zur aktuellen Situation, in der die Leitzinsen mit 0,05 Prozent so niedrig wie noch nie sind.

Aktuell zahlen die Banken praktisch kaum mehr Guthabenzinsen und die Kredite sind so günstig wie noch nie zuvor. Es bleibt also abzuwarten, ob der BFH seine Rechtsprechung zu den Nachzahlungszinsen von 6 Prozent aufrecht erhält.

Guthabenzinsen: So drehen Sie den Spieß einfach um

Eine erfreuliche Aussicht haben Sie immerhin: Falls Sie Recht behalten, dreht sich der Spieß um. Dann muss das Finanzamt nämlich Ihnen die zu Unrecht gezahlten Steuern verzinsen, und zwar mit ebenfalls 0,5 Prozent pro angefangenem Monat, also mit 6 Prozent pro Jahr.

Das ist dann eine sehr einträgliche Geldanlage. Auch wenn darauf später noch die Abgeltungsteuer erhoben wird, bleiben Ihnen unterm Strich immerhin (je nach Kirchensteuer) rund 4 bis 4,5 Prozent pro Jahr übrig. Keine Bank zahlt Ihnen aktuell einen so hohen Guthabenzins wie das Finanzamt!

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Foto: Judith Engst / Redaktion meineimmobilie.de
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Judith Engst hat sich als Wirtschafts- und Finanzjournalistin auf die publizistische Beratung im Bereich Finanzen, Geldanlage, Recht und Steuern spezialisiert. Für sie sind Immobilien ein unentbehrlicher Baustein zur ...
Judith Engst
Sie warten noch auf Ihren Steuerbescheid für das Veranlagungsjahr 2010? Das geht vielen so, die ihre Steuererklärung 2010 erst Ende 2011 abgegeben haben. Das Dumme ist nur: Ab April drohen Nachzahlungszinsen unabhängig davon, ob Sie für die verspätete Bearbeitung Ihrer Steuererklärung verantwortlich sind oder nicht.
Fällige Steuern müssen Sie verzinsen. Satte 6 Prozent verlangt das Finanzamt pro Jahr - oder anders gesagt: 0,5 Prozent pro angebrochenem Monat. „Das ist viel zu viel“, meinte ein Steuerzahler. Vor dem Finanzgericht Hamburg scheiterte er allerdings mit seiner Klage, wie jüngst bekannt wurde.

 meineimmobilie.de-Tipp

In Zweifelsfragen: Zahlen Sie Steuerschulden erst einmal unter Vorbehalt

 

Zweifeln Sie an der Rechtmäßigkeit einer Finanzamtsentscheidung, legen Sie Einspruch ein und beschreiten Sie notfalls den Rechtsweg. Beantragen Sie allerdings nicht zugleich Aussetzung der Vollziehung. 

Denn das bewirkt, dass Ihnen das Finanzamt die streitige Steuerschuld erst einmal stundet, bis der Fall geklärt ist.

Das Problem dabei: Finanzgerichtsverfahren ziehen sich oft ganz schön in die Länge. Und für jeden angefangenen Monat zahlen Sie später 0,5 Prozent Nachzahlungszinsen, falls Sie nicht Recht bekommen. Sie sehen selbst, welche Summen dann allein durch die Zinslast  zusammenkommen können.

Wenn Sie es sich irgendwie leisten können, zahlen Sie die Steuer unter Vorbehalt. Notfalls lohnt es sich sogar, einen Kredit dafür aufzunehmen, sofern dessen effektiver Jahreszins unter den besagten 6 Prozent liegt, die das Finanzamt von Ihnen fordert!