Mittwoch, 22.10.2008 | Autor: Jörg Stroisch

"Konjunktur schwächt ab, auch ohne Finanzkrise"

Interview: Über das Vertrauen in den Bankensektor, den drohenden Konjunkturabschwung und Lichtblicke bei den Energiepreisen. Christian Dreger, Konjunkturexperte beim Deutschen Institut für Wirtschaft (DIW) in Berlin, im meineimmobilie.de-Interview.

meineimmobilie.de: Herr Dreger, müssen Immobilienbesitzer und Verbraucher wegen der Finanzkrise in Panik geraten?

Christian Dreger: Sicherlich nicht. Ich gehe davon aus, dass das Rettungspaket durch die staatlichen Stellen Wirkung zeigt und so das Vertrauen in den Bankensektor wieder hergestellt wird. Niemand muss in Panik geraten.

Jetzt kommt aber noch der Konjunkturabschwung hinzu. Wird er durch die Finanzkrise verstärkt?

Zum Abschwung wäre es auch ohne Finanzkrise gekommen. Wir befinden uns derzeit in der Phase der Stagnation. Im dritten Quartal gibt es kein Wachstum, im vierten Quartal dürfte die Entwicklung wieder leicht anziehen. Insgesamt dürften wir in 2008 auf eine Wachstumsrate von knapp 1,9 Prozent kommen. Im folgenden Jahr sollten es dann 1,0 Prozent sein. Der Rückgang in der Rate kommt weitgehend durch statistische Effekte zustande. Im nächsten Jahr dürfte sich der Konsum stärker erholen.

Wie kommt das?

Durch die sinkenden Energiepreise geht die Inflation zurück, so dass bei den Arbeitnehmern mehr Kaufkraft bleibt. Das stärkt den Konsum.

Aber wie ist es mit der Stimmung: Die Bürger blicken pessimistisch in die Zukunft. Und pessimistische Bürger konsumieren vielleicht nicht.

Das lässt sich nicht genau abschätzen, das hat sehr viel mit Psychologie zu tun. Wenn aber das Vertrauen auf den Finanzmärkten durch die staatlichen Eingriffe wiederhergestellt wird, wird das auch die Zuversicht der Bürger fördern. Darüber hinaus haben sich seit dem letzten Aufschwung die längerfristigen Beschäftigungs- und Einkommensperspektiven verbessert.

Und Immobilienbesitzer und Vermieter müssen ebenfalls nichts befürchten?

In Deutschland gab es keine Immobilienblase wie etwa in den USA und in Großbritannien. Durch die sinkenden Energiepreise werden die Mietnebenkosten abnehmen. Dadurch steigt auch tendenziell die Nachfrage auf den Mietwohnungsmarkt. Da die Gaspreise an den Ölpreis gekoppelt sind, kommen die Preissenkungen allerdings nur verzögert bei den privaten Haushalten an.

Zur Person:
Christian Dreger ist Doktor der Ökonomie. Seit 2005 arbeitet er am Deutschen Institut für Wirtschaft (DIW), seit 2008 als Abteilungsleiter für den Bereich Konjunktur. Das DIW veröffentlicht wöchentlich Berichte zu allen Themen der Wirtschaftsforschung.

zum Dossier über die Finanzkrise

Kommentare (0)

Kommentieren, ergänzen Sie jetzt den Artikel oder geben Sie dem Autor Feedback. Einfach anmelden und losschreiben.
Foto: Sebastian Fery / Haufe
Foto: Sebastian Fery / Haufe

Es schreibt für Sie

Jörg Stroisch arbeitet als selbstständiger und freier Journalist. Seine Themenschwerpunkte sind informative Ratgeberartikel rund um die privaten Finanzen, insbesondere über die Themengebiete Immobilien, Vorsorge ...
Jörg Stroisch