Donnerstag, 23.10.2008 | Autor: Jörg Stroisch

Finanzkrise: Abwarten im eigenen Haus

Exklusiv: Die Finanzkrise fordert immer noch jeden Tag neue Opfer. Der Rettungsschirm für die Banken ist aber nun gespannt. Immobilienbesitzer und Vermieter müssen auch deshalb nicht in Panik geraten. meineimmobilie.de gibt Tipps rund um den Immobilienmarkt und die Kredite im Zeichen der Krise.

Wenn Andreas Meier dieser Tage bei seiner Hausbank vorbeischaut, dann verwirren ihn die Aushänge in den Schaufenstern. Auf dem einen Monitor spielt der DAX und auch die Aktie seiner Bank Achterbahn. Aber das Plakat nebenan offeriert trotzdem günstige Bauzinsen. Meier möchte gerne eine Anschlussfinanzierung für sein Drei-Familienhaus in Düsseldorf erhalten. "So recht", sagt er, "verstehe ich ehrlich gesagt nicht, wie sich die Finanzkrise auf meinen Kredit auswirken könnte."

Ursprung der Krise liegt in Amerika

Den Ursprung fand die Finanzkrise in einer waschechten Immobilienkrise. Banken finanzierten selbst Menschen mit schwacher Bonität ihr Eigenheim - und das ohne Einschränkungen in der Kredithöhe. Diese Kredite fielen in großem Stil aus. In Deutschland könne das nicht passieren, sagen viele Banken. Besser sollten sie sagen: Es kann nicht mehr passieren.

Hartmut Strube, Finanzexperte bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen: "Deutschland hat Glück. Nach dem Desaster mit den Schrottimmobilien, bei denen die Banken ganz ähnlich wie heute in den USA auch Kredite ohne Grenzen erteilt haben, sind wir heute nicht mehr betroffen. Damals hat sich der Bund überhaupt nicht um die Betroffenen geschert." Nicht die Einsicht hat die deutsche Bankenlandschaft von solchen Geschäften abgehalten, sondern handfeste und sehr teure Niederlagen vor den Gerichten.

US-Immobilienkrise führte bisher nicht zur deutschen Immobilienkrise

Die US-Immobilienkrise ist also nicht zu einer deutschen Immobilienkrise geworden. Über Umwege betrifft sie den Immobilienbesitzer hierzulande dennoch. Nach den ersten milliardenschweren Ausfällen in den USA und bei vielen Banken, die mit komplizierten und undurchsichtigen Wertpapieren an den ehemals verheißungsvollen Margen teilhaben wollten, erwuchs aus der Immobilienkrise die Finanzkrise: Die Banken trauen sich untereinander nicht mehr, sie leihen sich kein Geld mehr gegenseitig.

Rolf Kornemann, Präsident der Eigentümergemeinschaft Haus & Grund: "In Panik muss niemand geraten wegen der Finanzkrise. Das Rettungspaket wirkt psychologisch beruhigend auf die Marktkräfte, was sehr gut ist. Niemand kann aber sagen, wie sich der Dominoeffekt, ausgehend von den "Subprime"-Krediten in den USA, auswirkt und hier auch irgendwann neben der Kredit- auch die Realwirtschaft in Mitleidenschaft zieht."

Kreditzinsen unterscheiden wieder stärker nach Risiko

Interessant: Zunächst nutzt die Finanzkrise den Hausbesitzern sogar. Christian Schmid-Burgk, Finanzexperte bei der Verbraucherzentrale Hamburg: "Durch die Finanzkrise sind die Zinsen insgesamt ein wenig gesunken. Der Grund: Die Börse crasht und die Anleger fliehen in Anleihen."

Das führte zwischenzeitlich zu einer echten Kuriosität: Zeitweise waren die Darlehen mit einer Laufzeit von 20 Jahren billiger als Darlehen mit einer Laufzeit von 15 Jahren. "Man sieht: Die Märkte spielten verrückt", so Schmid-Burgk. "Dennoch: Die Kreditvergabe an die Hausbesitzer ist verhältnismäßig stabil."

Die Verbraucherzentrale Hamburg ermittelt aber eine stärkere Unterscheidung bei den Kreditzinsen je nach Risiko. Finanzierungen über 60 Prozent des Beleihungswertes sind demnach mittlerweile deutlich teurer - etwa ein Prozent - als weniger risikoreiche Kredite. "Im konjunkturellen Aufschwung waren diese Unterschiede deutlich niedriger", kommentiert Schmid-Burgk. "Eine Kreditklemme besteht aber nicht."

Haus&Grund-Präsident Kornemann warnt Hauseigentümer zumindest zur generellen Vorsicht: "Immobilienfinanzierungen mit hohen Beleihungsgrenzen etwa bis 80 oder 85 Prozent sind möglicherweise auch nicht mehr so einfach möglich." Mehr Eigenkapital ist also das Gebot der Stunde. Thomas Schlüter, Pressesprecher beim Bundesverband Deutscher Banken, begründet dies so: "In einer konjunkturell schwachen Phase ist es ganz normal, dass die Kreditrisiken von den Banken wieder stärker ins Auge gefasst werden werden."

Kein Thema ist übrigens in diesem Zusammenhang der Verkauf des eigenen Kredits an einen Investor. Bei Haus&Grund sind gerade einmal zwei Fälle bekannt, die Verbraucherschützer sehen ebenfalls keine Massenerscheinung. "Das Thema Kreditverkauf wurde einfach zu hoch gekocht", kommentiert Verbraucherschützer Schmid-Burgk.

Stimmung unter Immobilienbesitzern ist abwartend

Erste Auswirkungen auf Teile der deutschen Realwirtschaft zeigen sich aber, etwa in der Automobilindustrie. "Das Einkommen stagniert, die Arbeitslosigkeit steigt an: Irgendwann kann das dann auch auf die Immobilienwirtschaft durchschlagen", befürchtet so Kornemann. "Generell ist die Stimmung unter den Hausbesitzern und Vermietern abwartend: Es herrscht kein Pessimismus."

Die Immobilienmärkte bleiben insgesamt auch bisher eher verschont. Die Immobilienpreise sind weiter stabil. "Es geht zwar ein bisschen die Luft raus, aber nicht so schlimm, wie in anderen Ländern", analysiert Schmid-Burgk. "Insbesondere gute Lagen in großen Städten sind preisbeständig."

Und Rolf Kornemann mit Blick auf den Mietmarkt: "Die Nachfrage nach Wohnungen ist sowieso schon sehr verhalten, die "Kaltmiete" geht vieler Orts zurück. Dabei spielen die steigenden Betriebskosten eine Rolle, auch die Regelungen von Hartz 4."

In solchen Zeiten bewahrheitet sich so immer wieder eine alte Weisheit: "Am ehesten bietet eine gute, wertvolle Immobilie einen Schutz vor einer Krise", so Finanzexperte Strube. "Hier sind immer noch viele Besitzer verwundert, dass die Immobilie beim Verkauf nicht einen hohen Preis erzielt. Es ist wichtig für Immobilienbesitzer, sich vor Unterschrift unter den Kaufvertrag selber ein unabhängiges Wertgutachten zu besorgen." Wer also unabhängig von Finanzkrise oder wirtschaftlicher Gesamtlage auf gute Immobilien setzt, wird besser fahren.

Andreas Meier hat noch Zeit. Erst in einigen Monaten wird die Anschlussfinanzierung für sein Haus fällig. "Der Bankberater war im Gespräch auch ganz entspannt", freut sich der Immobilienbesitzer. "Ich habe schon große Teile des Kredits zurückgezahlt, deshalb bleibt auch der Zinssatz im Rahmen." Die Achterbahnfahrt der Börsen und auch der Aktien seiner Hausbank wirken sich auf sein Bankverhältnis also nicht aus, die Finanzkrise bleibt eine eher theoretische Bedrohung für Meier.

zum Dossier über die Finanzkrise

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Foto: Sebastian Fery / Haufe
Foto: Sebastian Fery / Haufe

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Jörg Stroisch arbeitet als selbstständiger und freier Journalist. Seine Themenschwerpunkte sind informative Ratgeberartikel rund um die privaten Finanzen, insbesondere über die Themengebiete Immobilien, Vorsorge ...
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