Freitag, 26.11.2010 | Autor: Jörg Stroisch

Verkehrswert: Finanzamt-Schätzung liegt oft voll daneben

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Auf den Verkehrswert, den das Finanzamt als Grundlage für die Erbschaftsteuer ansetzt, sollten Sie sich nie verlassen. Angenommen, Sie erben die Immobilie von Ihrem Bruder. >br> Schon flattert der Steuerbescheid ins Haus - und Sie fallen fast um: Für diese "Bruchbude" hat das Finanzamt einen Verkehrswert von 800.000 Euro angesetzt. 25 Prozent davon will der Fiskus als Erbschaftsteuer haben, das sind stolze 200.000 Euro. Was tun?

Zunächst einmal gilt der Grundsatz: Auf Verkehrswert-Schätzungen des Finanzamts dürfen Sie sich nie verlassen. Denn die Beamten bequemen sich auch bei teuren Objekten nicht, ihr warmes Büro zu verlassen und eine Verkehrswert-Schätzung vor Ort vorzunehmen. Sie wälzen ganz einfach ihre Tabellen. Da wird oft nur der Durchschnittswert vermeintlich vergleichbarer Immobilien genommen, und fertig!

Legen Sie Einspruch gegen den Steuerbescheid ein

Damit sollten Sie sich nicht abfinden. Vom Büro aus kann ein Finanzbeamter nicht erkennen, dass das Dach sanierungsbedürftig ist und die Bäder erneuert werden müssen. Auch dass das Haus an einer vielbefahrenen, lauten Straße liegt, wird nicht unbedingt berücksichtigt. Und dass womöglich der alte Schuppen im Garten abbruchreif ist und Sie die Kosten dafür tragen müssen, steht ebenfalls nicht in den Tabellen des Finanzamts. Hier gibt es nur eine Lösung. Legen Sie Einspruch gegen den Steuerbescheid ein.

Geben Sie ein Sachwert-Gutachten in Auftrag

Beauftragen Sie auf eigene Kosten ein Sachwert-Gutachten für das Haus. Um auf der sicheren Seite zu sein, suchen Sie einen von der IHK anerkannten Immobilien-Sachverständigen. Er wird den Verkehrswert zwar auch nicht kostenlos für Sie ermitteln. Aber die 1.500 bis 2.000 Euro, die ein Gutachten für ein Einfamilienhaus kostet, sind gut investiertes Geld.

Im geschilderten Fall wird der Sachverständige das renovierungsbedürftige Dach, die Lage an der lauten Straße, die vorsintflutlichen Bäder und die Abrisskosten für den alten Schuppen bei der Ermittlung des wahren Verkehrswertes berücksichtigen. Und vielleicht findet er noch andere Dinge, die einen Abschlag beim Immobilienwert rechtfertigen. Und schon ist er bei einem Wert von 500.000 Euro, und Ihre Steuerlast beträgt "nur" noch 125.000 Euro.

Den ermittelten Verkehrswert muss der Fiskus anerkennen

Das Finanzamt muss übrigens dem Gutachten eines geprüften Sachverständigen in der Regel Glauben schenken. Das ist laut Paragraph 198 des Bewertungsgesetzes auch so vorgesehen. Lediglich reine Gefälligkeitsgutachten wird es nicht akzeptieren. Daran sehen Sie: Zwar zahlen Sie 2.000 Euro an den Gutachter, aber Sie sparen dafür 75.000 Euro an Steuern.

Fazit: Vieles spricht dafür, ein unabhängiges Sachwert-Gutachten einzuholen. Der Preis hält sich in Grenzen, die Steuerersparnis ist meist gewaltig.

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Foto: Sebastian Fery / Haufe
Foto: Sebastian Fery / Haufe

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Jörg Stroisch arbeitet als selbstständiger und freier Journalist. Seine Themenschwerpunkte sind informative Ratgeberartikel rund um die privaten Finanzen, insbesondere über die Themengebiete Immobilien, Vorsorge ...
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