Dienstag, 24.11.2015 | Autor: Heidi Schnurr, Foto: © momanuma - Fotolia.com

Ehegatten-Erbrecht: Vererben aus Liebe, aber mit Köpfchen

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Worum geht´s

Mit welchen Klauseln im Testament Sie Erbstreitigkeiten vermeiden können.

Ein Verkehrsunfall oder ein Herzinfarkt: Schnell ist´s passiert! Zur Ohnmacht, Trauer und Fassungslosigkeit über den Tod eines geliebten Angehörigen gesellt sich häufig bald ein anderes, unangenehmes Gefühl mit dazu: Die finanzielle Sorge darüber, wie es weitergehen soll.

 

Das lässt sich jedoch bereits zu jedem Lebenszeitpunkt vermeiden: Mit dem richtigen Testament zugunsten Ihrer Lieben.

Wie Sie „Erbstreitigkeiten“ aus dem Weg gehen

Wer seinen Ehepartner für die „Zeit danach“ finanziell absichern möchte, kann ihn in seinem Testament bedenken.

Zwar ist der Ehepartner ohnehin gesetzlicher Erbe, doch daneben haben auch die Kinder einen Anspruch auf einen Teil des Nachlasses – und das kann Ärger geben, denn alle zusammen bilden eine Erbengemeinschaft!

Die Erbengemeinschaft und die bisher traute Familienbande scheitern häufig daran, dass eines der Kinder lieber Bares statt „nur“ einen Anteil am Elternhaus erben möchte.

Wer streng nach dem Gesetz erbt

Die gesetzlichen Erben von Ehepartnern mit Kindern sind der überlebende Ehepartner und die Kinder.

Was und wie viel sie erben, bestimmt sich in erster Linie danach, in welchem Güterstand die Eheleute gelebt haben:

  • in Gütertrennung,
  • in einer Gütergemeinschaft oder
  • in einer Zugewinngemeinschaft.

Der „Normalfall“ ist die Zugewinngemeinschaft. Die liegt immer dann vor, wenn vor dem Notar weder eine Gütertrennung noch eine Gütergemeinschaft vereinbart wurde.  

Bei einer Zugewinngemeinschaft erbt der Ehepartner die Hälfte

Lebten die Ehepartner im (üblichen!) gesetzlichen Güterstand der Zugewinngemeinschaft, ist der überlebende Ehepartner nach der gesetzlichen Erbfolge zu einem Halb als Erbe vorgesehen.

Die andere Hälfte wird unter den Kindern zu gleichen Teilen aufgeteilt. Das ist die gesetzliche Erbfolge.

Und so ist die Erbfolge auch, sofern Sie in Ihrem Testament nichts anderes regeln.

Was es mit dem Pflichtteilsanspruch auf sich hat

Doch selbst, wenn Sie in Ihrem Testament etwas anderes bestimmen, bleibt Ihrem Ehepartner und Ihren Kindern immerhin noch ein Pflichtteilsanspruch.

Der Pflichtteilsanspruch besteht jeweils aus der Hälfte des Werts Ihres gesetzlichen Erbteils.

Beispiel:

Der Ehemann stirbt und hinterlässt seine Frau und 2 Kinder. Mit seiner Frau lebte er in einer Zugewinngemeinschaft. In seinem Testament steht, dass seine Frau alles erben soll.

Dennoch bleibt den Kindern der Pflichtteilsanspruch. Der beträgt jeweils ein Achtel. Hätte der Ehemann nur die Kinder als Erben eingesetzt, bliebe der Frau noch der Pflichtteilsanspruch. Der würde ein Viertel betragen. 

Erbrecht: Was für uneheliche Kinder gilt

Erst seit 1998 sind eheliche und uneheliche Kinder in Bezug auf das Erbrecht gleichgestellt.

Seitdem haben uneheliche Kinder die gleichen erbrechtlichen Ansprüche wie Kinder des Erblassers, die innerhalb einer Ehe geboren wurden!

Wer bei einer eingetragenen Lebenspartnerschaft erbt

Gesetzliche Erben von Lebenspartnern, deren verstorbener Lebenspartner eigene Kinder hatte, sind der überlebende Lebenspartner und die Kinder.

Beispiel:

Zwei Frauen leben zusammen in einer Lebenspartnerschaft. Eine Lebenspartnerin, die aus der 1. Ehe noch 2 Kinder hat, verstirbt.

Hatten die Lebenspartnerinnen den Vermögensstand der Zugewinngemeinschaft vereinbart, erbt der überlebende Lebenspartner die Hälfte der Erbschaft. Die andere Hälfte erben die beiden Kinder aus der 1. Ehe.

Mit dem Pflichtteil bei einer eingetragenen Lebenspartnerschaft ist es so wie beim Pflichtteil eines Ehegatten: Der beträgt die Hälfte des gesetzlichen Erbteils.

Wie Sie Ihren Ehepartner finanziell absichern

Ehepartner mit Kindern möchten oft den überlebenden Ehepartner finanziell absichern und zuerst ihm die ganze Erbschaft zukommen lassen – auch um Streitereien zwischen dem Ehepartner und den Kindern wegen des Erbes aus dem Weg zu gehen.

Erst nach dem Tod des zweiten Ehepartners sollen die gemeinsamen Kinder erben. So ein Testament nennt sich „Berliner Testament“.  

Wie das „Berliner Testament“ funktioniert

Erst der Eine, dann der Andere: Für eine solche Erbfolgeregelung eignet sich das Berliner Testament.

Dabei setzen sich die Ehepartner in einem gemeinschaftlichen Testament gegenseitig als Erben ein und bestimmen ihre Kinder als sogenannte Schlusserben.

Trotz Berliner Testament: Pflichtteilsansprüche bleiben bestehen

Doch auch so ein Berliner Testament hat seine Unwägbarkeiten. Das liegt daran, dass beim ersten Todesfall die Kinder quasi enterbt werden. Ihnen bleiben dann nur noch ihre Pflichtteilsansprüche, die allerdings nach 3 Jahren verjähren.

Machen die Kinder ihre Pflichtteilsansprüche geltend, kann das den überlebenden Ehegatten in erhebliche Zahlungsschwierigkeiten stürzen!

Denken Sie an eine Pflichtteilsklausel im Testament

Wenn Sie ein Berliner Testament abfassen und nicht wollen, dass der überlebende Ehegatte mit Pflichtteilsansprüchen der Kinder überzogen wird, sollten Sie unbedingt eine Pflichtteilsklausel mit in ihr Testament aufnehmen. Eine solche Klausel liest sich so:

Verlangt einer der pflichtteilsberechtigten Schlusserben seine gesetzlichen Pflichtteilsansprüche, soll er beim Ableben des zuletzt Versterbenden ebenfalls nur noch Anspruch auf den Pflichtteil haben.

Sie können zwar auch nicht mit einer Pflichtteilsklausel die Pflichtteilsansprüche Ihrer Kinder ausschließen. Sie machen sie mit dieser Klausel aber wirtschaftlich weniger interessant!

Ein Vermächtnis und eine Stundung sorgen für Ruhe

Die Wirkung einer Pflichtteilsklausel können Sie noch verstärken, indem Sie den Kindern, die keinen Pflichtteil beanspruchen, zusätzlich noch etwas zuwenden. 

Dies kann in Form eines Geldvermächtnisses geschehen, das der Höhe nach dem jeweiligen gesetzlichen Erbteil entspricht, jedoch bis zum zweiten Erbfall gestundet wird.

In diesem Fall verringert sich sowohl der Nachlass des letztversterbenden Ehepartners als auch die Höhe der bei seinem Tod entstehenden Pflichtteilsansprüche.

Vor- und Nachteil: Sicherheit, aber starre Bindung

So ein Berliner Testament, um die Pflichtteilsklausel ergänzt, verschafft beiden Ehepartnern die Gewissheit, dass der jeweils länger lebende Ehepartner Alleinerbe wird und vor Pflichtteilsansprüchen der Kinder soweit als möglich geschützt ist. Damit ist er schon einmal ganz gut finanziell abgesichert.

Außerdem gehen die Kinder nicht leer aus, obwohl sie ihren Pflichtteilsanspruch nicht geltend machen: Sie wurden ja als Erben des Letztversterbenden eingesetzt.

Vorsicht: Hinterher lässt sich nichts mehr ändern

Die Erbeinsetzung der Kinder als Schlusserben im Berliner Testament kann sich jedoch als nachteilig entpuppen: Sie sind daran nämlich auch dann gebunden, wenn sich in der Beziehung zu den Kindern hinterher noch etwas Gravierendes ändert!

Beispielsweise, wenn sich die Kinder und der überlebende Ehepartner entfremden. Dennoch lässt sich die einmal im Berliner Testament getroffene Erbfolge dann nicht mehr den veränderten Umständen anpassen.

Undank lässt sich hinterher nicht mehr „bestrafen“

So lange beide Ehepartner noch leben, können sie gemeinsam das Berliner Testament wieder ändern. Ist jedoch einer bereits verstorben, lässt sich daran nichts mehr rütteln!

Zeigt sich eines der Kinder zum Beispiel undankbar und unterstützt es den länger lebenden Ehepartner nicht genügend oder kümmert sich eines der Kinder besonders intensiv um die Pflege des überlebenden Ehepartners, kann der im Nachhinein also nichts mehr an den einmal im Berliner Testament festgelegten Regelungen ändern. 

Neuer Partner, neues Glück? So schließen Sie das aus

Möchten Sie, dass Ihr Erbe Ihren Kindern auch dann erhalten bleibt, wenn Ihr Ehepartner nochmals heiratet?

Dann fügen Sie als Zusatz diese Wiederverheiratungsklausel in Ihr gemeinsames Berliner Testament ein:

Sollte sich mein/ Ehemann/Ehefrau wieder verheiraten, so bestimmen wir, dass unsere gemeinsamen Kinder mit dem Tag der Eheschließung ihren vollen Erbteil erhalten. Ein bis dahin ausgezahlter Pflichtanteil soll hierauf verrechnet werden.

Statt Berliner Testament: Arbeiten Sie mit Vor- und Nacherben

Wer nicht gleich über das Erbe beider Ehegatten zugunsten der gemeinsamen Kinder verfügen möchte, kann das auch anders regeln.

Beispielsweise, indem Sie den Ehepartner als Vorerben und die Kinder als Nacherben einsetzen. In diesem Fall verfügen Sie nur über Ihren eigenen Erbteil.

Der länger lebende Ehepartner kann dann noch selbst über seinen eigenen Nachlass beliebig verfügen.

Stirbt auch der zweite Ehepartner, tritt der Nacherbfall ein und der Nachlass des Erstverstorbenen geht auf die Kinder über.

Wie das Finanzamt möglichst wenig miterbt

An Stelle der gegenseitigen Erbeinsetzung kann es gelegentlich - nicht zuletzt aus steuerlichen Gründen - auch sinnvoll sein, die gesetzliche Erbfolgeregelung zu belassen, stattdessen dem länger lebenden Ehepartner lediglich ein Nießbrauchs- oder ein Rentenvermächtnis zukommen zu lassen.

Sie können gleichzeitig eine Erbauseinandersetzung ausschließen und den Ehepartner als Testamentsvollstrecker einsetzen.

Allerdings sollten Sie Ihr Hauptaugenmerk beim Erstellen Ihres Testaments nicht allein auf das Erlangen von Steuervorteilen richten.

Behalten Sie das Hauptziel der Testamentsgestaltung, die finanzielle Absicherung Ihres Ehepartners, im Auge.

Kommentare (1)

27.9.2012, 17:02 Uhr von Mathulia Profil ansehen
Vom notariellen Erbvertrag zwischen den Ehepartnern ist hier nichts gesagt.
Foto: Heidi Schnurr / Bildschön, Laila Weber
Foto: Heidi Schnurr / Bildschön, Laila Weber

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Heidi Schnurr arbeitet als Rechtsanwältin mit dem Schwerpunkt Mietrecht für Vermieter. Ihre Praxis-Tipps speziell für Vermieter finden sich in zahlreichen Fachpublikationen, Loseblattwerken, Büchern und ...
Heidi Schnurr
Stirbt ein Verwandter, regelt das Testament oft das Erbe. Doch nicht immer ist es sinnvoll, das Erbe anzunehmen, denn der Verstorbene könnte hoch verschuldet sein. Was alles beim Erben und speziell beim Immobilienerben zu beachten ist, verrät das Dossier rund ums Erbe.
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Wenn der Partner stirbt, stellt sich die Frage, welcher Anteil dem Ehegatten zusteht. Gibt es Verwandte in der Erbfolge, wird das Erbe aufgeteilt. Außerdem kommt es darauf an, in welchem ehelichen Güterstand das Paar gelebt hat.

 meineimmobilie.de-Tipp

Sie können grundsätzlich den "beerben", wen Sie wollen und auch den enterben, den Sie wollen.
 

Für eine Enterbung reicht es bereits aus, wenn Sie in Ihr Testament schreiben, dass Sie eine bestimmte Person als Erben ausschließen. Sie müssen im Testament nicht einmal begründen, warum Sie das tun. Vorsicht, falls Sie Ihre Kinder, aber nicht Ihre Enkel enterben wollen: Der Ausschluss erstreckt sich im Zweifel auch auf die Abkömmlinge der enterbten Person!

 

Schließen Sie jemanden von der Erbfolge aus, bedeutet das nicht, dass der Enterbte gar nichts erhält - grundsätzlich erhält er nämlich dennoch immer seinen Pflichtteil!