Donnerstag, 09.08.2012 | Autor: Jörg Stroisch

Belüftung für das luftdichte Haus

Worum geht´s
  • Feuchtigkeit und Schadstoffe in luftdichten Immobilien durch Belüftung vermeiden
  • Zwei Vorgehensweisen für den Einbau eines Belüftungssystems

Topstory: Dicke Dämmmatten und hochenergetische Fenster sorgen beim Haus für große Energieersparnis. Die Schattenseite: Das so getrimmte Haus ist nahezu luftdicht und deshalb bleiben Feuchtigkeit und Schadstoffe drinnen. Aber es gibt Methoden, für einen Luftaustausch zu sorgen.

„Bei einer Schadstoffbelastung in einem Neubau oder nach einer energetischen Sanierung lässt sich die Ursache häufig auf einen Nenner bringen: ein zu geringer Luftwechsel.“ Dieses Urteil fällt Uwe Münzenberg, Vorstand im Berufsverband Deutscher Baubiologen (VDB). „Zwar kommen in Neubauten nicht mehr so viele Schadstoffe zu Einsatz wie früher. Dennoch kann von Entwarnung keine Rede sein.“ Neben den Schadstoffen führt auch Feuchtigkeit zu Problemen, Schimmel entsteht.

Der Grund ergibt sich aus einem politisch und gesellschaftlich gewollten Ziel mit der Immobilie: Diese soll immer energieeffizienter werden, ihren Beitrag zu den CO2-Klimaschutzzielen leisten. Und das gelingt durch immer bessere Heiztechnik – und durch eine Dämmung der Immobilie. Und genau diese führt zu Problemen. Andreas Lücke, Hauptgeschäftsführer des Bundesindustrieverband Deutschland Haus-, Energie- und Umwelttechnik (BDH): „Die immer bessere Dämmung von Gebäuden führt dazu, dass diese sehr luftdicht sind. Dadurch kann ein ausreichender Luftwechsel, der zuvor durch Lücken und Fugen stattfand, ohne eine regelmäßige Lüftung nicht mehr erfolgen.“

Werden beispielsweise neue Fenster in die Immobilie eingebaut, dann haben diese heute so gute Dämmeigenschaften, dass plötzlich das alte Mauerwerk zum Schwachpunkt wird. Kondensat bildet sich dann nicht mehr an den Fenstern, sondern an den Wänden. „Deshalb ist es oft sinnvoll, Fenster und Fassade gleichzeitig zu erneuern“, rät Thomas Penningh, Vorsitzender des Verbandes Privater Bauherren. Aber: „Wenn der Hausbesitzer sein Haus modernisiert, dann verändert sich das bestehende System – alte Regeln zum Beispiel bei der Belüftung gelten nicht mehr.“

Überlegungen zur Belüftung

Experten halten dabei wenig von Appellen, dann für eine häufigere Fensterlüftung in der Wohnung zu sorgen. „Die entsprechen doch in vielen Fällen einfach nicht dem normalen Nutzungsverhalten einer Wohnung“, sagt Penningh. Das hochenergetische Haus muss nämlich regelmäßig stoßgelüftet werden – und der „klassische“ Bewohner, der tagsüber im Job ist, kann dies nur morgens und abends gewährleisten.

Es gibt aber auch viele andere Faktoren, die eine Rolle spielen: So sammelt sich in der von zwei arbeitenden Personen bewohnten 65-Quadratmeter-Wohnung im Erdgeschoss mit innenliegendem Bad schneller Schadstoff und Feuchtigkeit. Bei gleicher Konstellation, aber als 140-Quadratmeter-Wohnung im Dachgeschoss ist wegen der Größe und der weniger starken Luftdichtigkeit aber ein Luftaustausch eher gewährleistet. „Es lässt sich nicht pauschal sagen, dass immer eine kontrollierte Be- und Entlüftung benötigt wird“, kommentiert so Baubiologe Münzenberg. Aus seiner Sicht können deshalb Sanierungsmaßnahmen auch sehr unterschiedlich ausfallen. „Mal reicht es schon aus, den belasteten Teppich oder Schrank einfach zu entsorgen, mal müssen zusätzlich zu einer kontrollierten Belüftung auch noch die ausgasungsaktiven Oberflächen gegen die Raumluft abgeschottet werden.“

Entscheidung für ein Belüftungssystem

In vielen Fällen ist dann aber der Einbau eines Belüftungssystems sinnvoll. Dabei gibt es zwei unterschiedliche Vorgehensweisen. Die günstigere Lösung ist es, die Abluft zentral einmal abzusaugen, beispielsweise im Badezimmer und Küche, und durch Schlitze in den Türen und Fenstern für eine Zuströmung von Luft zu sorgen. Der BDH schätzt da die Kosten für eine normale 3,5-Raum-Wohnung auf etwa 2.500 Euro. Die kontrollierte Wohnraumlüftung inklusive Wärmerückgewinnung setzt aufwändige Kanalarbeiten voraus und wird in jedem Raum eingesetzt. Sie kann bis zu 80 Prozent der Raumluftwärme wiederverwenden. Oft ein gewünschter Nebeneffekt: Durch spezielle Filter kann die Luft zum Beispiel von Pollen gereinigt werden, die Luftqualität ist deutlich besser. Allerdings sind diese Systeme auch deutlich teurer: Der BDH geht bei einem Einfamilienhaus mit einer Größe von etwa 150 Quadratmeter von Kosten zwischen 6.000 und 10.000 Euro aus. „Die Kosten können nur schwer pauschal benannt werden“, grenzt BDH-Hauptgeschäftsführer Lücke ein, denn natürlich hängen sie zum Beispiel stark davon ab, wie viele Räume ein Haus hat.

Sowohl beim Neubau als auch beim Altbau ist in der Regel der Einsatz solcher Systeme mittlerweile flächendeckend üblich. Bauherrenberater Thomas Penningh weist darauf hin, dass schon in der Planung beachtet werden muss, dass selbst Flachkanäle eine Aufbauhöhe von fünf bis sieben Zentimetern haben. „Und das sorgt natürlich bei der Nachrüstung im Altbau auch für viel Aufwand.“ Der Experte rät ohnehin eher zu einem System, welches mit Rundrohren arbeitet, weil diese besser zu reinigen sind und außerdem ohne Stoß verlegt werden können. „Beim Einbau sollte darauf geachtet werden, dass alle Teile zugänglich sind und somit Komponenten problemlos ausgewechselt werden können“, ergänzt Lücke. Wenn die Filter zum Beispiel einfach selbst ausgewechselt werden können, spart das Kosten.

Einem Fehler begegnet Penningh auch immer wieder: Das Haus besitzt zwar selbst einen dicken Dämmanzug, der Spitzboden im Dachgeschoss aber nicht. Und gerade hier werden gerne die Wärmetauscher platziert und auch die Rohre in die Spitze verlegt. „Wo die Wärme durchgeführt wird, muss auch stark gedämmt werden“, warnt aber Penningh. Denn sonst bildet sich Kondensat. „Da habe ich schon Fälle erlebt, wo richtig Pfützen auf dem Fußboden entstanden sind.“ Und dann richtet die teure Belüftungsanlage mehr Schaden an, als dass sie nützt.

Kommentare (0)

Kommentieren, ergänzen Sie jetzt den Artikel oder geben Sie dem Autor Feedback. Einfach anmelden und losschreiben.
Foto: Sebastian Fery / Haufe
Foto: Sebastian Fery / Haufe

Es schreibt für Sie

Jörg Stroisch arbeitet als selbstständiger und freier Journalist. Seine Themenschwerpunkte sind informative Ratgeberartikel rund um die privaten Finanzen, insbesondere über die Themengebiete Immobilien, Vorsorge ...
Jörg Stroisch

 meineimmobilie.de-Tipp

Checkliste zur richtigen Wohnraumlüftung
(nach der Empfehlung des Bundesindustrieverband Deutschland Haus-, Energie- und Umwelttechnik und des Fachverbandes Gebäude-Klima)

  • Planung und Installation: Es muss vom Fachbetrieb genau die Auslegung der Anlage geplant und sachgerecht installiert werden. Empfohlen wird bei dichter Bauweise (Komplettsanierung oder Neubau) eine Wärmerückgewinnung von über 80 Prozent und eine Leistungsaufnahme unter 0,4 Wh/m³.
  • Zugänglichkeit: Filter und Ventilatoren sollten gut zugänglich sein.
  • Regelbarkeit: Jeder Raum sollte auf die geplante, optimale Luftwechselrate einstellbar sein. Diese besagt, wie oft innerhalb einer Stunde die verbrauchte Raumluft gegen frische Außenluft ausgetauscht werden sollte.
  • Wartung: Die Filter müssen ein- bis zweimal im Jahr ausgetauscht werden, dabei sollte das Gerät auch von innen gesäubert werden. Etwa alle zwei Jahre sollte eine professionelle Wartung stattfinden.
  • Lautstärke: Ein kaum merkliches Rauschen ist die Arbeitslautstärke der Geräte. Sofern es lauter ist, muss kontrolliert werden, ob etwas nicht stimmt.
  • Einweisung: Der Fachbetrieb sollte in die Bedienung der Anlage einweisen.
  • Fenster geschlossen lassen: Die Lüftungsanlage macht eine Lüftung durch das Fenster unnötig.