Donnerstag, 21.06.2012 | Autor: Jörg Stroisch

Umstrittene Chemie gegen Algen und Pilze an der Fassade

Worum geht´s
  • Mit Bioziden gegen Algen und Schimmel an der Fassade
  • Putze auf Wärmeverbundsystemen beinhalten oft schädliche Biozide

Topstory: Besonders beliebt bei der energetischen Sanierung der Hausfassade sind Wärmeverbundsysteme. Dieser dicke Mantel fürs Haus hat aber einen Nachteil: Die Fassade bleibt kalt und ist so idealer Hort für Pilze und Algen. Biozide sollen das verhindern – und halten dieses Versprechen häufig nicht.

Die Fassade ist schön und neu, endlich sinken die Energiekosten. Und die energetische Sanierung des Hauses ist auch politisch gewollt, wird mit günstigen Kredit- und Förderprogrammen vom Staat deutlich unterstützt. Das Problem mit vielen Fassaden ist allerdings: Ihr Putzauftrag enthält umweltschädliche Biozide, die vor Algenbefall und Pilzen schützen soll. Das Urteil darüber ist eindeutig: In der Schweiz stellten das Wasserforschungsinstitut Eawag und das Institut für Biogeochemie und Schadstoffdynamik an der Universität Zürich fest, dass  Biozide in städtischen Gebieten die Gewässer fast ebenso belasten, wie in der Landwirtschaft, allerdings ganzjährig und nicht an eine Saison gebunden.

„Die organischen Biozide sind schon nach zwei Jahren zum Großteil aus der Fassade ausgewaschen, sie schützen dann gar nicht mehr“, behauptet auch Susanne Smolka, Biozid-Expertin beim Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN). „Solche Biozide müssen sich durch eine gewisse Wasserlöslichkeit auszeichnen, damit sie für die Organismen verfügbar sind“, schreibt auch das Umweltbundesamt auf seiner Informationsplattform biozid.info. „Diese Eigenschaft führt jedoch auch dazu, dass die Substanzen mehr oder weniger schnell aus den Oberflächen ausgewaschen werden.“

Gesetzeslage rund um Biozide

Seit 1998 regelt eine europäische Richtlinie die behördliche Zulassung von Bioziden. Allerdings ist die Prüfung so weit im Verzug, dass für die Verwendung von Bioziden in Bauputzen oder Wärmeverbundsystemen derzeit noch keine abgeschlossenen Stoffbewertungen oder Produktzulassungen vorliegen.

Ab 2013 werden aber wohl mit dem Inkrafttreten des novellierten EU-Biozidrechts zumindest die Hersteller und der Handel gesetzlich dazu verpflichtet, die im Putz enthaltenen Biozide anzugeben. „Bis zu der gesetzlichen Produktzulassung können Hersteller aufgrund von Übergangsregeln ungehindert Biozide verwenden, sofern diese für eine behördliche Überprüfung für eine zukünftige Verwendung gemeldet sind“, beschreibt Smolka.

Konstruktion als Weg zur Algenfreiheit

„Ich warne davor, die energetische Modernisierung aufgrund der Biozide zu verteufeln oder komplett abzulehnen“, kommentiert Ulf Sieberg, Referent für Energieeffizienz und Gebäudesanierung beim Naturschutzbund Deutschland (nabu). „Energetische Modernisierung muss in Deutschland verstärkt werden.“ Es gibt aber auch Alternativen zu biozidhaltigen Putzen: „Sie sind aber deutlich teurer als eine normale Putzfassade“, beschreibt Thomas Schmitz-Günther, Geschäftsführer von natureplus, Internationaler Verein für zukunftsfähiges Bauen und Wohnen.

Der Experte empfiehlt hier konstruktive Lösungen, etwa, indem beim Bau oder Modernisierung eine hinterlüftete Fassade mit einer Holz-, Schindel- oder Natursteinabdeckung verwendet wird.  „Durch die Konstruktion – etwa durch Dachüberstände – kann Pilz- und Algenbefall und damit eine Schimmelbildung der Fassade verhindert werden“, beschreibt Sieberg eine weitere Methode.

Forschung am Putz

Aber auch am Putz selbst wird gearbeitet und geforscht. Eine Idee: Latentwärmespeicher. Diese bleiben kontinuierlich warm, auch in der Nacht – und vermeiden so das Auskühlen der Fassade, was erst für die Probleme mit Algen und Pilzen sorgt. Allerdings sind diese noch nicht weit verbreitet und auch sehr teuer. „Wasseraufnehmende Putze – und nicht die abweisenden – sind die ökologische Zukunft“, kommentiert so dann auch Susanne Smolka. „Interessanterweise geht es hier „back to the roots“, denn die Materialien und Verfahren, die sich schon jahrhundertelang bewährt haben, sind wieder ein guter Weg.“

Spezielle mineralische Kalk- und Edelkratzputze saugen die Feuchtigkeit so auf, dass sie viel schlechtere Wachstumbedingungen für Algen und Pilze bieten als die derzeit häufig verwendeten wasserabweisenden Silikonharzputze und Kunstharzputze, die ohne Biozide nicht auskommen können. „Das einzige System für die Außenfassade, das unseres Wissens ohne Biozide auskommt, wird bislang leider nur in Verbindung mit Polystyrol-Platten angeboten, die wir als Dämmstoff ablehnen“, mahnt allerdings Schmitz-Günther. Sein Verein natureplus zertifiziert nachhaltige Wohn- und Bauprodukte mit dem  natureplus-Qualitätszeichen.

Eine Zwickmühle: Ökologie ist an der Hausfassade derzeit ökonomisch schwierig zu realisieren. „Letztlich gilt es, Ressourcen so effizient wie möglich einzusetzen“, kommentiert so auch Ulf Sieberg vom nabu. „Das gilt für den Rohstoffeinsatz genauso wie für das monetäre Kosten-Nutzen-Verhältnis.“ Aber Susanne Smolka von PAN hofft auch auf die Einsicht der Hersteller: „Wenn der Bauherr beim Architekt und Handel Alternativen nachfragt und bessere Informationen zu den Produkten einfordert, dann bewegt sich auch der Markt.“ Dann sei es nur noch eine Frage der Zeit, bis viele biozidfreie Alternativen zu einem fairen Preis angeboten werden.

Kommentare (0)

Kommentieren, ergänzen Sie jetzt den Artikel oder geben Sie dem Autor Feedback. Einfach anmelden und losschreiben.
Foto: Sebastian Fery / Haufe
Foto: Sebastian Fery / Haufe

Es schreibt für Sie

Jörg Stroisch arbeitet als selbstständiger und freier Journalist. Seine Themenschwerpunkte sind informative Ratgeberartikel rund um die privaten Finanzen, insbesondere über die Themengebiete Immobilien, Vorsorge ...
Jörg Stroisch

 meineimmobilie.de-Tipp

Adressen für Informationen:

  • Pestizid Aktions-Netzwerk e.V. (PAN Germany), Nernstweg 32, 22765 Hamburg, Telefon: 040/3991910-0, E-Mail: info@pan-germany.org, www.pan-germany.org
  • natureplus e. V.,  Kleppergasse 3, 69151 Neckargemünd, Telefon: 06223/861147, E-Mail:  office@natureplus.org, www.natureplus.org
  • NABU – Naturschutzbund Deutschland e.V., Charitéstraße 3, 10117 Berlin, Telefon: 030/284984-6000, E-Mail: nabu@nabu.de, www.nabu.de


Weitere Informationsportale im Internet:

  • www.biozid.info – das Portal des Bundesumweltamtes informiert umfassend über den Einsatz von Bioziden.
  • www.blauer-engel.de – der Blaue Engel zertifiziert ökologische Produkte, auch Farben und Putze sind hier gelistet