Mittwoch, 22.05.2013 | Autor: Jörg Stroisch, Foto: © Pitopia, Harald Richter, 2006

Schwarze Flecken an der Fassade: Das ist die Ursache

Foto: © Pitopia, Harald Richter, 2006
Worum geht´s
  • Gute Isolierung von Wärmedämmverbundsystemen sorgt für Algen- und Pilzbefall an der Fassade.

Topstory: Innen warm, außen kühl – und nass. Gerade weil Wärmedämmverbundsysteme so gut isolieren, leisten sie der Veralgung der Fassade in manchen Fällen Vorschub.

Nicht nur Graffitis verunzieren die Fassaden der Hauptstadt: In den vergangenen Jahren finden sich auch vermehrt schwarze und grüne Schlieren an den Wänden – vornehmlich auf der Wetterseite der Gebäude, und auffallend oft an Objekten, bei denen erst vor kurzer Zeit ein Wärmedämmverbundsystem (WDVS) angebracht wurde.

Diese, bislang als besonders günstig und effektiv gepriesenen, Systeme geraten deshalb derzeit in die Kritik. Denn die fleckigen Fassaden sind zumeist auf einen konstruktiven Mangel der WDVS zurückzuführen.

„Der Putz ist bei diesen Systemen in der Regel so dünn, dass er kaum noch Feuchtigkeit aufnehmen kann“, sagt etwa Reimund Stewen, Vorstandsmitglied beim Verband Privater Bauherren. „Deshalb sammelt sich das Kondenswasser auf der Oberfläche an und bietet so ideale Bedingungen für einen Pilz- oder Algenbefall.“

Mit Bioziden gegen Pilz- und Algenbefall an Fassade 

Auch die Biozide, welche die meisten Hersteller ihren Putzen und Farben beimengen, um die Fassade vor Algen- und Pilzbefall zu schützen, lösen dieses Problem meist nur für kurze Zeit: „Die Biozide sind nach etwa fünf Jahren komplett aus der Fassade ausgewaschen“, kommentiert Stewen. „Passenderweise also dann, wenn die Gewährleistung der Hersteller ausgelaufen ist.“

Gerade Schlagregen wäscht die Biozide schnell wieder aus, so dass schon nach kurzer Zeit insbesondere die Wetterseite unansehnlich werden kann. 

Hohe Biozidkonzentration in Fassadenabwasser

Und bei den rein optischen Mängeln bleibt es nicht: Die ausgewaschenen Biozide versickern im Boden und belasten dort das Grundwasser. Welche Folgen das für Mensch und Umwelt hat, ist bislang noch unzureichend erforscht.

Bereits 2008 kam das schweizerische Wasserforschungsinstitut Eawag jedoch zu beunruhigenden Ergebnissen: „Vor allem im Fassadenabwasser von neu erstellten, wärmegedämmten Häusern sind die Biozidkonzentrationen hoch, häufig über der Schwellenkonzentration für eine Wirkung auf Wasserorganismen.“

Und das ebenfalls schweizerische Institut für Biogeochemie und Schadstoffdynamik an der Universität Zürich geht davon aus, dass das Grundwasser in städtischen Gebieten inzwischen ebenso mit Bioziden belastet ist, wie im ländlichen Raum. Als Hauptquelle für die Verunreinigung benennen die Forscher ebenfalls die Auswaschungen aus behandelten Fassaden. Auf EU-Ebene wird nun immerhin eine Kennzeichnungspflicht für biozidhaltige Produkte diskutiert.

Mit wasserliebendem Putz gegen Biozide 

Auf die Suche nach Lösungen begeben sich indes auch die geschädigten Eigentümer. Doch eine einfache Lösung für das Problem ist bislang nicht in Sicht: „Ein neuer Anstrich hält wiederum nur fünf bis sieben Jahre“, sagt Lothar Henze, Bauberater beim Verband Wohneigentum. Sinnvoller - wenn auch teurer - sei es, mineralische, hydrophile – also wasserliebende – Putze anzubringen und diese mit Silikatfarben zu bestreichen.

Bereits eine ein Zentimeter starke Putzschicht könnte das Phänomen drastisch reduzieren. Nicht überall ist diese Lösung jedoch möglich: „Ob der Untergrund überhaupt die nachträglich aufgebrachte Putzschicht tragen kann, muss deshalb ein Fachmann vor Ort prüfen“, sagt Lothar Henze. Um dies zu ermöglichen, gibt es die Idee, die Fassade aufzuschlitzen. Auch eine neue Armierungsschicht wird manchmal empfohlen. Dadurch würden sich allerdings die Eigenschaften der Fassade vermutlich insgesamt verschlechtern.

Und auch die Statik muss dann geklärt werden, denn die WDVS-Systeme sind in der Regel an die Fassade geklebt und tragen nicht unbedingt eine wesentlich dickere – und schwerere – Putzschicht. WDVS-Systeme sind eben Komplettsysteme, in denen sowohl statisch als auch von den verwendeten Materialien her alles exakt aufeinander abgestimmt ist. Der Bauherr spielt also ein wenig das Versuchskaninchen, eine allseits bewährte Lösung gibt es bisher nicht.

Mit konstruktiven Veränderungen gegen Biozide

Andere Lösungsvorschläge sehen sogar noch weitgehendere Eingriffe in die Gebäudesubstanz vor: „Durch konstruktive Veränderungen, etwa die Erweiterung des Dachüberstands, kann man die Fassade ebenfalls vor Regen-, Spritz -und Tauwasser schützen“, sagt Susanne Smolka, Projektkoordinatorin beim Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN).

Der damit verbundene Planungs- und Kostenaufwand ist jedoch enorm – und führt die ursprüngliche Kostenersparnis durch Einsatz des WDVS ad absurdum. „Letztlich ist ein System mit Bioziden in der Fassade von Anfang an die falsche Wahl“, sagt Susanne Smolka. „Wer bereits bei der Bauplanung kritisch nachfragt und auch Alternativen erwägt, der fährt am Ende günstiger und besser.“

Wärmedämmverbundsysteme umstritten

WDVS sind mittlerweile generell umstritten. Überhaupt bekennen sich derzeit nur noch wenige Experten vorbehaltlos zu den Vorzügen des Wärmedämmverbundsystems. Stattdessen wird, angestoßen von Medienberichten, über die leichte Entflammbarkeit und problematische Entsorgung von WDVS spekuliert.

Und auch in puncto Haltbarkeit ist der Ruf in Gefahr: „Gegenüber von meinem Fenster kann ich es gerade selbst beobachten“, sagt Bauberater Lothar Henze. „Dort buddelt sich ein Specht regelrecht in die Fassade ein.“

Das sei kein Einzelfall: Marder, Mäuse, Ameisen und Vögel arbeiten sich mühelos durch die dünne Putzschicht der WDVS, um sich im warmen Styropor einen Unterschlupf zu bauen – und fügen ihm dabei gravierende Schäden zu, die sich nicht mehr mit ein wenig Putz und einem neuen Anstrich beheben lassen. Vor allem dann, wenn auch die Dampfbremse Schaden genommen hat und Feuchtigkeit ungehindert ins Gebäude dringen kann.

Im Stadtgebiet sind solche Attacken auf die WDVS bislang jedoch die Ausnahme. Und die wahrscheinlichste, wenn auch unangenehmste Lösung für das Algenproblem ist: Wir gewöhnen uns an ihren Anblick – wie an den der Graffitis.

Kommentare (1)

5.6.2013, 12:53 Uhr von Matulla Profil ansehen
Als vor 40 Jahren Eternit (abgeleitet von lateinisch aeternitas 'Ewigkeit' aus Asbest abgeleitet vom altgriechischen 'asbestos' 'Unvergänglichkei' als Plattenverkleidungen für Hausfassaden als das NONPLUSULTRA angepriesen wurde, wußte noch niemand, dass die krebserregenden Asbestfasern sich in der Zukunft als teuflisches Material erweisen sollte, das nun sehr teuer in Ganzkörperschutzanzügen demontiert und als Sondermüll entsorgt werden muss. Ohne aus der Vergangenheit zu lernen und teils mit staatlicher Unterstützung werden nun zur Wärmedämmung der Häuser die Aussenfassaden mit Dämmplatten aus Polystyrol oder Polyurethanhartschaum verwendet. Neben mechanischen Schäden durch Spechte oder Marder hat die leichte Entflammbarkeit und die Verwednung von Bioziden zur Vermeidung von Pilz- und Algenbefall die Eigenheimbesitzer verschreckt. Es wird so enden wie das Desaster mit der Asbestseuche. Es ist somit zu raten Hände weg von chemischen Stoffen zur Wärmedämmung. mit diesen Dämmmaterialen.
von andor
Sehr geehrter Herr Matulla, sehr aufschlussreich und prägnant zusammen gefasst. Danke.
Foto: Sebastian Fery / Haufe
Foto: Sebastian Fery / Haufe

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Jörg Stroisch arbeitet als selbstständiger und freier Journalist. Seine Themenschwerpunkte sind informative Ratgeberartikel rund um die privaten Finanzen, insbesondere über die Themengebiete Immobilien, Vorsorge ...
Jörg Stroisch
Topstory: Besonders beliebt bei der energetischen Sanierung der Hausfassade sind Wärmeverbundsysteme. Dieser dicke Mantel fürs Haus hat aber einen Nachteil: Die Fassade bleibt kalt und ist so idealer Hort für Pilze und Algen. Biozide sollen das verhindern – und halten dieses Versprechen häufig nicht.

 meineimmobilie.de-Tipp

Informationsportale im Internet:

  • www.biozid.info – das Portal des Bundesumweltamtes informiert umfassend über den Einsatz von Bioziden.
  • www.blauer-engel.de – der Blaue Engel zertifiziert ökologische Produkte, auch Farben und Putze sind hier gelistet