Mittwoch, 23.01.2013 | Autor: Jörg Stroisch , Foto: © Pitopia, Harald Richter, 2006

Der undurchlässige Wintermantel fürs Haus

Foto: © Pitopia, Harald Richter, 2006
Worum geht´s
  • Viele unterschiedliche Möglichkeiten zur Fassadendämmung

Topstory: Die Fassade umhüllt das eigene Haus wie ein Wintermantel: Mit der energetischen Modernisierung können kräftig Heizkosten gespart werden. Unterschiedliche Systeme sind dabei möglich.

Schön sind sie, die neuen Fassaden: Der Trend zur neuen Außenhaut für alte Immobilien besteht schon seit Jahren, politisch gefordert mit der Energieeinsparverordnung (EnEV) und gefördert mit zinsgünstigen Darlehen und Zuschüssen, etwa durch die staatliche KfW-Bank. Bauherren erhoffen sich davon ganz erhebliche Einsparungen bei den Heizkosten.

Sehr verbreitet sind dabei in Deutschland drei Systeme: Das Wärmeverbundsystem – kurz WDVS – verbindet die Wärmedämmung mit einer Putzschicht. Es wird auf die Wand aufgeklebt. Dieses System wird mit Abstand am häufigsten eingesetzt. Bei der hintergelüfteten Fassade hingegen wird in der Regel Dämmwolle auf die Fassade gelegt und die Fassade – zum Beispiel aus Schieferplatten mit einer Konterverlattung davorgehängt. Es verbleibt eine Luftschicht. So hat sie den Vorteil, dass Feuchtigkeit einfacher aus dem Haus entweichen kann. In einigen Regionen wurde in den 50er- bis 70er-Jahren zweischaliges Mauerwerk eingesetzt. Hier wird das Dämmmaterial nachträglich eingeblasen. Im Neubau gibt es weitere Alternativen, etwa Steinsysteme, in die der Dämmstoff bereits integriert ist. Alle diese Systeme haben gemein, dass der Taupunkt nach Möglichkeit weit außerhalb im Mauerwerk oder davor liegt. Das alte Mauerwerk bleibt also im Winter ebenfalls warm, was die Gebäudesubstanz schützt. Bei der Innendämmung – die zum Beispiel bei denkmalgeschützten Fassaden eingesetzt wird – ist das nicht der Fall. Wie immer ist es auch eine Frage des Geldbeutels, was eher passt.

Kampf der Dämmmaterialien

Das gilt so auch bei der Wahl des Dämmmaterials, wobei hier die Expertenmeinungen ebenfalls stark auseinander gehen: „Dämmungen mit Platten aus Polystyrol haben sich durchaus bewährt“, beschreibt so Stephan Bacher, Experte beim Fachverband der Stuckateure für Ausbau und Fassade Baden-Württemberg (SAF). So seien diese in über 800 Millionen Quadratmetern in Deutschland verbaut, „und sie stellen sich im Wesentlichen als unproblematisch und funktional heraus.“ Ganz anders sieht dies allerdings Raimund Stewen, Vorstandsmitglied beim Verband Privater Bauherren: „Der Nachteil an einer Polystyrolfassade ist, dass sie im Brandfall gefährlich ist und dass keine Diffusionsfähigkeit gewährleistet ist.“ Das bedeutet, dass durch sie die Feuchtigkeit generell nicht aus dem Haus entweichen kann.

Eine bessere Alternative sei Mineralwolle, diese Systeme würden aber auch 20 Prozent mehr kosten. Mineralwolle biete - ebenso, wie die noch teureren Systeme, etwa aus natürlicher Holzfaser - eine gute Diffusionsfähigkeit. Der Experte mahnt aber ohnehin dazu, nicht ausschließlich auf die Fassade zu schauen - und warnt hier auch vor unrealistischen Versprechungen. „Die Fassade ist für 18 Prozent des Wärmeverlustes im Haus verantwortlich“, kommentiert er. „Entsprechend sind Aussagen, dass nur durch die energetische Fassade 50 bis 60 Prozent an Energieeinsparung möglich sind, schlichtweg falsch.“

Wärmedämmung ist ein ganzheitliches System

Der Gesetzgeber gibt mit der EnEV aber ohnehin den ganzheitlichen Blick auf Dämmung und Heiztechnik vor. Marion Singer-Henze, Energieberaterin beim Verband Wohneigentum, rät so zum Beispiel: „Beim Dach, der oberen Geschossdecke, der Kellerdecke, den Fenstern und Türen kann ebenfalls viel optimiert werden.“ Wer die Wärme zwar an der Fassade aufhält, aber eben an Boden und Decke ungehindert entweichen lässt, verspielt den energetischen Effekt. Gerade die Geschoss- und Kellerdecke kann mit ein wenig handwerklichem Sachverstand auch selbst gedämmt werden und so Geld gespart werden. Bei der Fassade selbst raten alle Experten davon ab. „Es kann sehr viel schiefgehen“, kommentiert Senger-Henze.

Die EnEV schreibt dabei strikt vor, was Mindeststandard beim Neubau oder der Altbausanierung ist. Einen sogenannten U-Wert von 0,24 muss so beispielsweise die Fassade erfüllen. Je kleiner dieser Wärmedurchgangskoeffizient U ist, desto weniger Wärme kann durch die Fassade nach außen entweichen. Und je dicker entsprechend die Wärmematte oder Styroporplatte ist, desto teurer ist es auch. Nach einer Wirtschaftlichkeitsaufstellung von Paul Lothar Müller, Professor im Fachgebiet „Bauwirtschaft für Architekten“ an der Leibniz-Universität Hannover und Experte für die Gesellschaft für Technische Überwachung (GTÜ), variieren die Preise für 14 bis 16 Zentimeter Außenwanddämmung als Wärmeverbundsystem inklusive aller Nebenkosten für den Raum Hannover zwischen 105 und 128 Euro pro Quadratmeter.

Wie die genauen Kosten sind, ist individuell dennoch sehr unterschiedlich. Für den Laien ohnehin schwer durchschaubar ist, was nun für ihn die beste Maßnahme ist. „Ein staatlich geprüfter Gebäudeenergieberater kann geeignete Empfehlungen geben – oder auch abraten“, rät Bacher. „So kann er in der Regel auch eine Auswahl an guten Fachhandwerkern benennen.“ Wer als Bauherr eine der zahlreichen Fördermittel in Anspruch nehmen will, benötigt ohnehin einen aussagekräftigen Energieausweis. Und dann bleibt die Hoffnung auf eine Heizkostenersparnis auch nicht nebulös, sondern wird mit konkreten Annahmen und Empfehlungen unterfüttert. Und die alte Fassade ist am Ende auch schön.

Kommentare (2)

8.2.2013, 9:35 Uhr von Matulla Profil ansehen
Die Fassadendämmung hat sehr viele Nachteile, weil das Haus nicht "atmen" kann. Vielleicht wird in Zukunft diese Technologie veraltet und die Entsorgung dieser Dämmmaterialien als Sondermüll teuerer, als deren einstige Anschaffung sein, wie es sich beim Asbest gezeigt hat. Auch die Energieeinsparung ist nicht so hoch, wie es die Anbieter versprechen. Hausbesitzer sollten sich nicht voreilig auf eine Fassadendämmung einlassen und besser warten, bis es eine bessere und effektivere Technologie für Wäremedämmung gibt. Die Entwicklung schreitet sehr schnell vorran.
6.2.2013, 19:05 Uhr von chris789 Profil ansehen
Mit großer Verwunderung stelle ich fest, dass Polystyrol immer noch als optimaler Dämmstoff angesehen wird. Bereits seit mehr als 40 Jahren sind die Nachteile dieses Dämmstoffes bekannt: 1. die hoher Brennbarkeit mit einem hohen Brennwert und giftigen Schadstoffen, 2. die Diffusionsgeschlossenheit, d.h. Wasserdampf kann auch nicht von innen nach außen transportiert werden. Dämmstoffe auf mineralischer Basis erfüllen sowohl die Kriterien für einen geringen Wärmedurchgangskoeffezienten. Es gibt dabei nicht nur Mineralfasern in Form von Platten oder Rollen. Es gibt auch Platten aus CaSiO2, und es gibt durchaus akzeptable Preise für diesen Dämmstoff. Man muss allerdings beharrlich im web suchen.
Foto: Sebastian Fery / Haufe
Foto: Sebastian Fery / Haufe

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Jörg Stroisch arbeitet als selbstständiger und freier Journalist. Seine Themenschwerpunkte sind informative Ratgeberartikel rund um die privaten Finanzen, insbesondere über die Themengebiete Immobilien, Vorsorge ...
Jörg Stroisch
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