Samstag, 08.06.2013 | Autor: Jörg Stroisch , Foto: © Pitopia, Harald Richter, 2007

Altersgerechtes Wohnen: Das sind die kleinen Helferlein im Alltag

Foto: © Pitopia, Harald Richter, 2007
Worum geht´s
  • „Ambient assisted living“ soll das Leben in der eigenen Wohnung erleichtern
  • "Ambient assisted living“ zu Deutsch "umgebungsunterstütztes Leben"

Topstory: Der demografische Wandel gibt es vor: Immer mehr ältere Menschen leben auch alleine in ihren Wohnungen. Das Konzept „Ambient Assisted Living“ will ihnen mehr Sicherheit im Alltag bieten – und versteht sich als Kombination aus baulich-technischen Ideen und sozialen Angeboten.

Der SensFloor ist kein normaler Fußbodenbelag, er ist intelligent. Wenn der Senior einen Schritt darauf macht, erkennt dieser Boden das. Und wenn er fällt und mit eigener Hilfe nicht mehr aufstehen kann, meldet er das gleich per Notruf, so dass Hilfe kommen kann.

Eine 106 x 56 Zentimeter große Matte kostet inklusive Handyeinheit etwa 750 Euro. Das System ist eines von vielen Ideen, die sich unter dem Begriff „Ambient Assisted Living“ - kurz AAL – zusammenfassen lässt, was übersetzt „umgebungsunterstütztes Leben“ bedeutet.

AAL kombiniert Technik mit Sozialdienstleistungen

Das AAL-Konzept hat vor allem ältere Personen im Fokus, setzt auch bereits vor der Pflegebedürftigkeit an. Ziel ist es, möglichst lange das Leben im eigenen Zuhause zu ermöglichen. Die Wege und Ideen dazu fokussieren sich auf zwei Aspekte: Bau-technische Unterstützung und soziale Dienstleistung. „Ambient Assisted Living hat immer auch eine sehr starke Dienstleistungskomponente“, beschreibt Christine Weiß, stellvertretende Bereichsleiterin Demografischer Wandel von VDI/VDE Innovation + Technik. „Gerade Sozialanbieter erweitern damit ihr Angebot in Richtung Lebensqualität und Komfort auch für jüngere Zielgruppen.“

Der Aspekt der Sicherheit spielt dabei eine große Rolle. Zum Beispiel kann unterschiedliche Technik zur Notfallerkennung eingesetzt werden. So merkt ein ein intelligenter Stromzähler, ob im Haus elektrische Geräte bedient wurden – und somit, ob der Bewohner noch aktiv ist.

Vielfältige Ansätze für AAL

„Es ist heute noch sehr viel Eigeninitiative gefragt, um passende Angebote zu finden“, beschreibt aber Expertin Weiß. „Der klassische Weg über den Handwerker funktioniert leider bei der Beratung und Auswahl in den seltensten Fällen, da es auch dort an Informationen zu den neuen technischen Möglichkeiten mangelt.“

Die Initiative AAL-Deutschland bündelt verschiedene geförderte Forschungsprojekte – und in diesem Status befinden sich viele Produkte heute auch noch.

WohnSelbst heißt zum Beispiel eines dieser Konzepte: Hier dient der Fernseher als Informationszentrale, über den ein spezielles Portal erreichbar ist. So soll der Kontakt zu Dienstleistern und über die „Schwarze-Brett“-Funktion auch zu anderen Bewohnern des Quartiers vereinfacht werden.

Kennen Sie PAUL? Sollten Sie!

Innovative Felder sind zum Beispiel auch die technisch-sozialen Assistenzsysteme. Hinter dem etwas sperrigen Begriff verbirgt sich die Idee, mit Hilfe von Bedienplattformen mehr Komfort, Sicherheit und Gesundheit im städtischen Quartier zu schaffen. Und diesen privaten elektronischen Butler gibt es auch als konkretes Produkt: PAUL steht für „persönlicher Assistent für unterstütztes Leben“ - und ist ein Tablet-PC, speziell zugeschnitten auf die Bedürfnisse älterer Menschen in ihren eigenen Wohnungen.

Darüber hinaus muss in weiteres technisches Equipment investiert werden, damit tatsächlich auch die verschiedenen Komponenten eines Hauses steuerbar sind. Die Anwendungsgebiete sind vielfältig: PAUL registriert, wenn sich sein Besitzer nicht zu den gewohnten Zeiten in der Wohnung bewegt, dient als Videotelefoniegerät, hilft bei der Auswahl des Lieblingsradiosenders, organisiert das Verschließen von Türen und schaut auch, wer davor steht.

PAULs Entwicklung wurde – wie viele der AAL-Produkte – vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. Und da dieses Gerät keine Massenware ist, fallen beim Kauf einige Tausend Euro an Kosten an. „Solche Systeme kosten Geld und leider bezahlen die Krankenkassen das nicht“, beschreibt auch Expertin Weiß. „Auf der anderen Seite kann man auch schon mit wenig Mitteln viel erreichen. Altersgerechtes Wohnen heißt eben nicht einfach nur, dass das Bad neu gemacht werden muss oder die Türen breiter sein sollten.“

Bauliche Maßnahmen für barrierefreies Wohnen

Dennoch: Begleitend sind alle Ideen des barrierefreien Zuhauses ebenfalls gute Ansätze, um den Alltag für betagte Menschen einfacher zu gestalten. Irmtraud Swoboda, Bauherrenberaterin und Leitung Regionalbüro Wetzlar im Verband Privater Bauherren: „Die baulichen Veränderungen beschäftigen sich stark mit dem barrierefreien Wohnen: keine Schwellen in der Wohnung, genügend Raum für Rollator oder Rollstuhl.“

Aber die Architektin mit dem Schwerpunkt Bauen für Behinderte und Betagte und Sachverständige für barrierefreies Bauen gibt auch einen sehr günstigen Tipp: „Manchmal kann schon durch ein einfaches Umstellen der Möbel innerhalb der Wohnung viel bewirkt werden“. Auch rät sie zu einer Beratung: „Spezielle Referenten der Kommunen oder der Sozialverbände – das wissen die wenigsten – sind genau auf solche Fragen spezialisiert.“

Kostengünstige Lösungen können schnell gefunden werden. So reicht bei der Waschmaschine schon ein kleiner Sockel, um sie auf altersgerechte Höhen zu setzen, die auch von einem betagten Menschen bequem bedient werden können.

Geht es dann tatsächlich mehr an die Bausubstanz – etwa durch den Badumbau – dann greifen auch Mittel der staatlichen KfW-Bank. Für Darlehen mit bis zu 50.000 Euro bietet sie im Programm Altersgerecht Umbauen (159) gute Zinskonditionen an. Auch Maßnahmen im Bereich AAL sind hier mittlerweile förderbar, sofern fest verbaut.

Und auch die Pflegekassen übernehmen eventuell Kosten für Umbauarbeiten, bis zu 50 Prozent, maximal 2.557 Euro sind hier als Zuschuss möglich. Irmtraud Swoboda sieht deshalb auch gerade bei der Mietwohnung gute Chancen, dass hier etwas passiert: „Auch für den Vermieter kann das eine Investition in die Zukunft sein – er profitiert ebenfalls von den Zuschüssen der Pflegekassen und günstigen KfW-Mitteln.“

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Foto: Sebastian Fery / Haufe
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Jörg Stroisch arbeitet als selbstständiger und freier Journalist. Seine Themenschwerpunkte sind informative Ratgeberartikel rund um die privaten Finanzen, insbesondere über die Themengebiete Immobilien, Vorsorge ...
Jörg Stroisch

 meineimmobilie.de-Tipp

Leider gibt es noch nicht die Rund-um-Beratung vom Handwerker rund um AAL. Die Ideen befinden sich oftmals noch im Projekt- und Forschungsstatus. Eine Auswahl an Info- und Beratungsadressen:

  • AAL-Deutschland, www.aal-deutschland.de: Die Website informiert über Forschungsprojekte rund um AAL. Unter dem Menüpunkt AAL in Deutschland / Bekanntmachung „Altersgerechte Assistenzsysteme...“ gibt es interessante Informationen, auch als PDF.
  • Pflege 2020, www.pflege2020.de: Das Forschungsprojekt des Fraunhofer-Instituts zeigt auch in einem Video, wie hilfsbedürftige Menschen zukünftig mit technischen Mitteln unterstützt werden könnten.
  • Just-in-Time-Assistance, www.just-in-time-assistance.de: Hier wird eine integrierte Dienstleistung bereitgestellt, die einen starken Fokus auch auf die soziale Komponente legt und versucht, Menschen in eine Gemeinschaft zu integrieren.
  • WohnSelbst, www.wohnselbst.de: Projektseite mit vielen Informationen.
  • Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungsanpassung, Mühlenstraße 48, 13187 Berlin, Telefon: 030 47474700, www.wohnungsanpassung-bag.de: Der Verein ist ein Zusammenschluss von Wohnberatern und Wohnberatungsstellen in Deutschland, deren Kontaktadressen auch abgefragt werden können. Ziel ist es, das selbstständige Wohnen älterer und behinderter Menschen in ihren ganz normalen Wohnungen zu ermöglichen.
  • VPB Verband privater Bauherren, Chausseestr. 8, 10115 Berlin, Telefon: 030 278901-0, www.vpb.de: Der Verband berät auch zum Thema barrierefreies Bauen und Modernisieren.